Den Schwerpunkt meiner Unterrichtsbegleitung bildete dabei der Fachbereich Sozialpädagogik. Die umfangreichen Erfahrungen, die ich sowohl in den Unterrichtsphasen als auch in den zahlreichen Gesprächen mit den Lehrkräften machen durfte, können nicht alle in einem kurzen Internettext gebannt werden. Deshalb habe ich mich entschieden, ein klein bisschen von der schöpferischen Kraft der Georgsanstalt in mich aufzunehmen und auf Papier festzuhalten.
Im Kontext der kreativen Bearbeitung von Märchen im Fach Deutsch durfte ich selbst einen Unterrichtsblock zum Thema ‚Dornröschen' gestalten. Nach dem Vorbild des Lehrenden erlaubte ich mir mit den Schülern und Schülerinnen gemeinsam, die klassische Märchenstruktur aufzubrechen. Das gab mir den Mut selbst ein ‚Märchen' über meine Erfahrungen in der Georgsanstalt zu verfassen. Bruno Bettelheim behauptet: Kinder brauchen Märchen. Ich behaupte: Lehrende brauchen Märchen, um der Tyrannei der Presse standhalten zu können und sich ihrer Qualitäten und Kompetenzen einmal ohne Scham bewusst werden zu dürfen. Deshalb schenke ich dieses Märchen allen Lehrenden der Georgsanstalt Uelzen als kleines Dankeschön für ihre Zeit und Erklärungsgeduld!
Die Erweckung der kleine Studiosi
Es war einmal ein kleines Gebäude in der Veerßer Straße, in der lebten ein Stellvertretender König, Herr Kobbeloer, und sein stellvertretender Königssohn, Herr Grunert, mit ihrem fleißigen Hofstaat. Die beiden hatten regelmäßig den gleichen Traum: Ihnen erschien ein großer Palast, in dem der junge Hofstaat sich frei entfalten könnte. Dort gab es eine große Werkstatt, in der mit Ton gearbeitet werden konnte, einen Computerraum, der intensive Internetrecherchen möglich machte und Zimmer für Ihr Gefolge, in denen neue Produkte und Ideen ersonnen werden konnten.
Was den hohen Herren bei Ihren Träumen und tagtäglichen Sitzungen mit den geizigen Lehnsherren manchmal entging, waren die täglichen Wunder, die sich allenthalben in den kleinen Räumen der Georgsanstalt vollzogen. Neugierige, junge Menschen entwickelten die ulkigsten Masken aus Gips, ersonnen komplexe Lehr-Lernarrangements für förderbedürftige Jünglinge der Pestalozzi-Schule, engagierten sich für ihre Mitstreiter, wenn es um Gerechtigkeit und demokratische Schülerwahlen ging.
Die angestellten Lehrmeister und Lehrmeisterinnen füllten die Becher der Jünglinge und jungen Frauen mit Weisheit, lehrten sie das geschriebene Wort in Frage zu stellen, aufzubrechen und zu gestalten. So konnten die jungen Menschen Welten neu erschaffen in Wort, Tat und Bild. Die unerfahrene Studiosi durfte mit Staunen die Auferstehung von Shakespeares Macbeth erleben. Schülerjünglinge verwandelten sich in Sekunden in einen zornig-ehrgeizigen Mann, der gewillt war die (Schul-)welt zu erobern. Die Hofdamen fällten strengen Auges ihr Urteil über die Güte ihres zukünftigen Gemahls. Da wurden leidenschaftliche Gerichtsverhandlungen mit der Familie von Hänsel und Gretel geführt, die desaströsen Familienstrukturen der ausgesetzten Kinder offen gelegt und Lösungsstrategien erarbeitet. Nebenbei wurden in Selbstversuchen Gruppenprozesse systematisch analysiert und Konflikte basisdemokratisch gelöst. Die kleine Welt war ein buntes Treiben von einzigartigen Persönlichkeiten, die sich gegenseitig mit Literatur, Neugierde und Experimentierfreude befruchteten. In Rollenspielen wurden Freuds Triebkräfte lebendig, Banduras Lernmodelle plastisch und die Frustrations-Aggressions-Hypothese zum Alltags-Forschungs-Gegenstand.
Die junge Studiosi erblickte eine neue, utopisch-kreative Welt, in die sie einzutauchen wünschte. Zurück in den kalten Wehrmauern der Leuphana-Universität, trauerte sie schwermütig dem kreativen Potential der Georgsanstalt nach. Auch sie saß über ein Grimmsches Märchen gebeugt. Doch nun entflammte keine heiße Diskussion über die Erziehungsmoral des schlagenden Kochs in Dornröschen auf, statt dessen wurden grandiose Erkenntnisse über die Eindimensionalität von Märchen entdeckt und (vermeintlich wichtige) Komplikationshandlungen kleingehackt. Eine Vernichtungsschlacht der Idee von Polyvalenz von Texten wurde geführt und zum Leidwesen der jungen Studiosi zugunsten der modernen Traditionalisten gewonnen.
Aber ein Märchen wäre wohl kein Märchen, wenn nicht Feen zur Rettung herbeikommen würden, oder? So auch hier. Eine weise Frau in einem scharlachroten Gewandt und mit einem dunkelroten Gehstock sowie einer sternförmigen Sonnenbrille erschien der jungen Studiosi, als sie zwischen Wachen und Schlafen einer Vorlesung über Textanalyse zu folgen versuchte. In klarem, gutverständlichem Altgriechisch prophezeite die Fee der jungen Frau: Wenn du fleißig studierst - und nicht einschläfst - wachsam den Ausführungen der Meister folgst, regelmäßig die Lehren der Mentoren und Praktiker beherzigst, dann wirst auch du eines Tages Teil einer solchen, lebenden Utopie sein ...


